Eine bemerkenswert erhaltene, 3,7 Zentimeter große Tonskulptur aus 12.000 Jahren deutet auf ein altes Ritual hin, bei dem es um eine mögliche sexuelle Begegnung zwischen einem Menschen und einer Gans ging. Die Figur wurde 2019 an der archäologischen Stätte Nahal Ein Gev II in Israel entdeckt. Die Bedeutung der Figur wurde erst kürzlich erkannt und bietet einen seltenen Einblick in den Glauben früher Jäger- und Sammlergesellschaften.
Die Natufianische Kultur und frühe Rituale
Die Figur stammt aus der Natufian-Kultur, einer Gruppe von Jägern und Sammlern, die die Region vor dem Aufkommen der Landwirtschaft im Nahen Osten bewohnten. Die Natufianer gehörten zu den ersten Völkern, die dauerhafte Siedlungen gründeten und markierten damit einen entscheidenden Übergang in der Geschichte der Menschheit. Diese Entdeckung ergänzt die wachsende Zahl an Beweisen, die darauf hindeuten, dass komplexe symbolische Gedanken und rituelle Praktiken viel früher existierten als bisher angenommen.
Detaillierte Untersuchung der Figur
Forscher unter der Leitung von Laurent Davin von der Hebräischen Universität Jerusalem sind „zu 100 Prozent sicher“, dass die Figur eine Gans zeigt, die auf dem Rücken einer menschlichen Figur sitzt. Geochemische Tests ergaben, dass der Ton auf etwa 400 °C erhitzt wurde, was auf ein absichtliches Brennen und Konservieren schließen lässt. Die sorgfältige Modellierung des Künstlers zeigt ein ausgeprägtes Verständnis der Anatomie und der Art und Weise, wie Licht und Schatten die Szene akzentuieren würden.
Interpretationen: Animismus und mögliche Paarungsrituale
Die Forscher vermuten, dass die Figur eine imaginäre Paarung zwischen einem Tiergeist und einem Menschen darstellt, ein häufiges Thema in animistischen Gesellschaften weltweit. Solche Themen tauchen häufig in erotischen Träumen, schamanistischen Visionen und antiken Mythen auf. Die Gans ist naturalistisch in einer Paarungshaltung dargestellt, was darauf hindeutet, dass der Künstler eine absichtliche Interaktion darstellen wollte und nicht nur eine einfache Darstellung einer Jagd oder des Tragens von Beute. Ein auf der Figur gefundener Fingerabdruck lässt darauf schließen, dass sie von einem jungen Erwachsenen oder einer erwachsenen Frau hergestellt wurde.
Alternative Theorien und laufende Debatte
Während die vorherrschende Interpretation zu einer rituellen oder symbolischen Handlung tendiert, gibt es alternative Theorien. Paul Taçon von der Griffith University vermutet, dass die Figur eine aggressive Begegnung darstellen könnte, etwa den Angriff einer Frau durch eine wütende Gans, ein Szenario, das in manchen Regionen häufig vorkommt. Die genaue Bedeutung bleibt umstritten, da die Absichten des Künstlers im Laufe der Zeit verloren gegangen sind.
Bedeutung und umfassendere Implikationen
Diese Entdeckung ist bedeutsam, da es sich um die „früheste Mensch-Tier-Interaktionsfigur“ handelt, die jemals gefunden wurde. Es stellt das konventionelle Verständnis früher menschlicher Glaubenssysteme in Frage und legt nahe, dass komplexe symbolische Gedanken und rituelle Praktiken in vorlandwirtschaftlichen Gesellschaften tief verwurzelt waren.
Die Figur erinnert eindringlich daran, dass unsere Vorfahren komplizierte und symbolische Verhaltensweisen an den Tag legten und dass die Grenzen zwischen der menschlichen und der tierischen Welt wahrscheinlich weitaus fließender waren als bisher angenommen.
Letztendlich ist die Figur ein einzigartiges Artefakt, das einen seltenen und faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt derer bietet, die vor uns kamen
