Jahrzehntelang betrachtete die internationale Gemeinschaft eine Erwärmung um 2 °C über dem vorindustriellen Niveau als Obergrenze für einen „sicheren“ globalen Temperaturanstieg. Zu Beginn der 2000er Jahre zeigten jedoch zunehmende wissenschaftliche Erkenntnisse, dass sogar die Schwelle katastrophale Risiken birgt, insbesondere für tief gelegene Inselstaaten, die von einem beschleunigten Anstieg des Meeresspiegels bedroht sind. Diese Erkenntnis löste eine Verlagerung hin zu dem ehrgeizigeren Ziel aus, die Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen.
Der Kampf für niedrigere Erwärmungsgrenzen
Die Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS) war Vorreiter und setzte sich auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (COP) 2015 in Paris für das 1,5°C-Ziel ein. Ihr Argument war eindeutig: Ein Anstieg um 2 °C wäre verheerend für die gefährdeten Inselstaaten. Unterhändler James Fletcher erinnert sich an heftigen Widerstand, wobei einige Länder das strengere Ziel vehement ablehnten. Er erinnert sich an einen Delegierten, der drohte, dass das 1,5°C-Ziel nur „über ihre Leiche“ erreicht werden würde.
Trotz des Widerstands sicherte sich das 1,5°C-Ziel einen Platz im bahnbrechenden Pariser Abkommen. Dies war auf den Druck der Europäischen Union, die Unterstützung hinter den Kulissen der Vereinigten Staaten und sogar auf eine Intervention von Papst Franziskus zurückzuführen. Die Aufnahme des 1,5°C-Ziels basierte nicht auf einem vollständig definierten Verständnis seiner Auswirkungen; Vielmehr war es ein Vertrauensvorschuss, der zu weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen führte.
Wissenschaftliche Validierung und globale Akzeptanz
Im Jahr 2018 veröffentlichte der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel, in dem er die erheblichen Vorteile einer Begrenzung der Erwärmung auf ein niedrigeres Niveau bestätigte. Der Bericht festigte das Ziel als globales Gebot und richtete es auf die Notwendigkeit aus, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen.
Dieses Ziel wurde schnell zum Brennpunkt für Regierungen und Unternehmen weltweit. Einige Länder, darunter das Vereinigte Königreich, haben ihre nationalen Klimaziele überarbeitet, um sie an den aggressiveren 1,5°C-Zielkurs anzupassen. Der Klimaforscher Piers Forster schreibt dem Ziel zu, dass es die Nationen dazu veranlasst, sich zu strengeren Reduzierungen zu verpflichten, als sie sonst in Betracht gezogen hätten.
Ein gemischtes Erbe, aber nachhaltige Wirkung
Trotz der Dynamik steigen die globalen Temperaturen weiter an und die Emissionssenkungen bleiben weit hinter dem zurück, was zur Erreichung des 1,5°C-Ziels erforderlich ist. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die Welt diese Schwelle innerhalb weniger Jahre überschreiten wird. Das Ziel bleibt jedoch von zentraler Bedeutung für die Messung des Fortschritts bei der Emissionsreduzierung.
Das 1,5°C-Ziel hat die Klimadebatte grundlegend verändert. Was einst als ehrgeiziges Extrem galt, ist heute zum Maßstab geworden, an dem sich alle Klimaschutzmaßnahmen messen lassen. Die Vorstellung, dass 2 °C jemals eine „sichere“ Erwärmungsgrenze gewesen seien, erscheint jetzt gefährlich selbstgefällig.
Das Vermächtnis des 1,5°C-Ziels besteht nicht in seinem unmittelbaren Erfolg, sondern in seiner dauerhaften Wirkung: Es hat den Fokus auf jeden Bruchteil eines Grads verlagert und die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger und der Öffentlichkeit gleichermaßen gefestigt.
