Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass das Epstein-Barr-Virus (EBV) – eines der am weitesten verbreiteten Viren weltweit – ein Hauptauslöser für Multiple Sklerose (MS), eine schwächende Autoimmunerkrankung, ist. Seit Jahrzehnten vermuten Wissenschaftler einen Zusammenhang, doch neue Forschungsergebnisse enthüllen nun, wie das Virus die Entwicklung der Krankheit vorantreiben könnte.
Das allgegenwärtige EBV und seine mysteriöse Rolle
EBV, das für die infektiöse Mononukleose („Kusskrankheit“) verantwortlich ist, infiziert etwa 95 % der erwachsenen Bevölkerung. Es bleibt im Körper bestehen und versteckt sich manchmal sogar in Gehirnzellen, lange nach der ersten Exposition. Der auffällige Zusammenhang zwischen EBV-Infektion und MS ist seit einiger Zeit bekannt: Personen mit MS testen fast durchweg positiv auf eine vorherige EBV-Exposition. Eine bahnbrechende Studie aus dem Jahr 2022 mit über 10 Millionen Menschen ergab, dass das MS-Risiko nach einer EBV-Infektion um das 32-Fache steigt – ein Zusammenhang, der weitaus stärker ist als bei jedem anderen getesteten Virus.
Killer-T-Zellen als fehlendes Stück
Forscher der University of California, San Francisco (UCSF) haben nun einen plausiblen Mechanismus hinter diesem Zusammenhang identifiziert. Ihre jüngste Arbeit zeigt, dass „Killer“-T-Zellen – Immunzellen, die infizierte Zellen zerstören sollen – bei MS-Patienten deutlich häufiger vorkommen. Entscheidend ist, dass viele dieser T-Zellen spezifisch gegen EBV-Proteine aktiviert werden.
„Ein Blick auf diese wenig erforschten CD8+-T-Zellen bringt viele verschiedene Punkte zusammen und gibt uns einen neuen Einblick in die Frage, wie EBV wahrscheinlich zu dieser Krankheit beiträgt“, sagt der Neurologe Joe Sabatino von der UCSF. Dies deutet darauf hin, dass das Immunsystem fälschlicherweise die körpereigenen Nervenfasern angreift, nachdem es durch das Virus infiziert wurde.
Hinweise aus Blut und Rückenmarksflüssigkeit
Das UCSF-Team analysierte Blut und Liquor (CSF) von 13 MS-Patienten und verglich sie mit fünf Kontrollpersonen (einschließlich solchen mit anderen entzündlichen Erkrankungen). Die Ergebnisse waren verblüffend: EBV-reaktive Killer-T-Zellen waren im Liquor von MS-Patienten bis zu 100-mal stärker konzentriert als in ihrem Blut. Dies deutet auf eine aggressive Immunreaktion im Gehirn und Rückenmark hin.
Darüber hinaus wurden im Liquor von MS-Patienten aktive EBV-Gene nachgewiesen – Gene, die bei Nicht-Erkrankten fehlten oder inaktiv waren. Insbesondere ein Gen war ausschließlich bei MS-Patienten aktiv, was darauf hindeutet, dass das Virus nicht nur vorhanden ist, sondern im Zentralnervensystem reaktiviert wird.
Weiterreichende Auswirkungen auf immunvermittelte Krankheiten
Die Auswirkungen gehen über MS hinaus. EBV wird zunehmend mit anderen Autoimmunerkrankungen und neurologischen Erkrankungen in Verbindung gebracht, darunter Lupus, bestimmte Krebsarten, Schizophrenie, Long-COVID, chronisches Müdigkeitssyndrom und sogar Demenz. Zu verstehen, wie EBV das Immunsystem manipuliert, könnte Behandlungen für eine Vielzahl von Krankheiten ermöglichen.
„Die große Hoffnung hier ist, dass wir, wenn wir in EBV eingreifen können, einen großen Effekt haben können, nicht nur bei MS, sondern auch bei anderen Erkrankungen, und die Lebensqualität für viele, viele Menschen verbessern können“, sagt Sabatino.
Eine Beeinträchtigung des EBV könnte zu großen Durchbrüchen bei der Behandlung zahlreicher Krankheiten führen, nicht nur bei MS. Die Rolle des Virus bei der Immunschwäche wird immer klarer und künftige Therapien könnten sich auf die Kontrolle oder Unterdrückung der EBV-Aktivität konzentrieren, um diese Erkrankungen zu verhindern oder zu lindern.
